Die ersten Anfänge

Es war einmal ...
So lautet gemeinhin der Beginn eines jeden Märchens. Und damit passt er eigentlich nicht für ein Werk, in dem die Geschichte eines Sportvereins, genauer: des Sportverein Ewattingen, in Augenschein genommen werden soll. Zum einen ist diese Geschichte ge- und erlebte Realität; zum andern war dies eben nicht irgendwann einmal, sondern die Historie des Vereins kann ganz genau terminiert werden.


Offiziell begann alles am 26. Februar 1950. Damals trafen sich im Gasthaus Burg eine Gruppe junger Burschen und gründeten den Sportverein Ewattingen.
Die Gruppe bewies Mut, denn es wehte ihnen nicht selten ein rauer Gegenwind um die Nase. Blickt man auf diese Anfänge, dann darf man, trotz aller eingangs erwähnten Unterschiede zu einem Märchen, zumindest von einer märchenhaften Entwicklung sprechen. Schlagen wir den Bogen also noch einmal ganz weit zurück. Bereits lange vor dem Zweiten Weltkrieg wurde in Ewattingen Fußball gespielt.


Fußball-Pioniere vor dem Zweiten Weltkrieg
Viel brauchten diese Pioniere nicht dazu, um ihrem Hobby zu frönen. Eine ganz gewöhnliche Wiese, dazu Schuhe und kurze Hosen, die jene jungen Kicker auch sonst den ganzen Tag anhatten. An ein einheitliches Trikot war natürlich ebenfalls nicht zu denken. Im Laufe der Zeit organisierten sich die Sportler in zunehmendem Maße. Als Sportgelände bewährte sich die Freifläche in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Schützenstandes. Dort, auf dem Richtung Überachen liegenden Gelände, wurde viele Jahre lang dem Ball nachgejagt. Es kristallisierte sich zudem ein fester Stamm an Spielern heraus. Die ersten schriftlich erwähnten Fußballer in Ewattingen waren:


Burger Alois, Burger Fritz, Burger Hermann, Burger Johann, Burger Josef, Burger Otto, Gratz Helmut, Grüninger Adolf, Grüninger Alois, Heinemann Alois, Heinemann Franz-Josef, Heizmann Eduard, Huber August, Kromer Artur, Maier Hermann, Meister August, Rothmund Hermann, Rothmund Karl, Straub Franz, Zimmermann Fritz, Zimmermann Otto.


Diese Namen zu nennen bedeutet mehr als reine Chronistenpflicht, denn gerade sie waren es, die als Gönner und Freunde nach dem Schrecken des Krieges die neue Generation fußballbegeisteter Burschen ebenso tatkräftig wie moralisch unterstützten. Kein Wunder, schließlich wussten sie ganz genau, wie schwer es ist, eine bis dahin nur am Rande wahrgenommenen Sportart in einem kleinen Dorf zu etablieren. Während man heute über die Vorwürfe Anno dunnemals milde lächeln kann, so dürfte der Widerstand besonders der Erwachsenen für die Ballartisten in den 30er Jahren alles andere als komisch gewesen sein. Sicher, es gab auch damals einige Fürsprecher, doch sie waren eindeutig in der Minderzahl. Fußball wurde als "Modekrankheit" bezeichnet, die alsbald wieder auskuriert sein werde. Mütter verglichen das Spiel rund um den Ball mit den "Hauptsünden, die ein Mensch überhaupt begehen kann". Fußball wurde mit Müßiggang gleichgesetzt und dieser bedeutet bekanntermaßen aller Laster Anfang. Doch "kein Schelten, kein Moralisieren konnte verhindern, dass Fußball gespielt wurde", heißt es in der Festschrift aus dem Jahre 1960, die anlässlich des zehnjährigen Bestehens des SVE erstellt wurde. Die Genugtuung des Verfasser spürt man in diesen Worten noch heute sehr deutlich.


Erste Anfänge
Der Zweite Weltkrieg bedeutete eine tragische Zäsur. Viele Spieler fielen auf den Schlachtfeldern, gerieten in Kriegsgefangenschaft oder kamen verletzt zurück. Glücklicherweise blieb Ewattingen von den Angriffen der Alliierten weitgehend verschont, wenngleich auch hier drei Zivilisten in den letzten Tagen durch Artillerieangriffe ihr Leben verloren. Der von Deutschland entfachte Krieg kehrte nach Jahren der Eroberungen ins eigene Land zurück, ehe er nach sechs Jahren auch die entlegendsten Winkel erreicht hatte. Mit "Stunde Null" wird die Zeit unmittelbar nach der Kapitulation Deutschlands am achten Mai 1945 bezeichnet. Für die Menschen allerdings gab es keine "Stunde Null". Sie kämpften besonders in den ausgebombten Städten ums nackte Überleben. Millionen irrten als Flüchtlinge umher. Gerade für sie galten die ländlichen Gemeinden - und hier besonders jene im Westen Deutschlands - trotz all dem auch hier gegenwärtigen Leid - beinahe schon als Paradies. Viele dieser Entwurzelten suchten in Dörfern eine neue Heimat. So auch in Ewattingen. Hier fanden weit über hundert Menschen zumindest vorübergehend ein neues Domizil. Warum nun dieser historische
Exkurs in der Festschrift eines Sportvereins? Nun, ganz einfach. Gerade die Flüchtlinge aus den Städten, nicht wenige stammten aus dem seit jeher fußballverrückten Ruhrgebiet, erwiesen sich als Aktivposten in Sachen Fußball. Zusammen mit den einheimischen Enthusiasten einigte sie der Wunsch nach Abwechslung und wenigstens partieller Normalität. Natürlich war es nicht immer einfach, die verschiedenen Temperamente und Charaktere unter einen Hut zu bringen, doch man raufte sich zusammen, denn allen war eines gemeinsam wie es in jener Festschrift aus dem Jahre 1960 heißt: Sport sollte in erster Linie Spaß machen und nicht mehr als Wehrertüchtigung missbraucht werden. Bald wurden die sporadischen Treffen durch regelmäßiges Training ersetzt, und etwa 1949 nahmen die Aktivitäten vereinsähnliche Formen an.


Lauscht man den Erinnerungen damaliger Zeitzeugen, so gab es in jener Gründungsphase komische, bisweilen skurrile Szenen zu beobachten. Da mussten beispielsweise Spiele unterbrochen werden, weil ein Traktor über den das Sportgelände kreuzenden Feldweg tuckerte. Beschwerlich und von mancher Überraschung gekennzeichnet war in jener, aus fußballerischer Sicht, prähistorischen Phase nicht nur das Spiel an sich. Schon die Reisen zu den Auswärtsspielen hatten es in sich. Mit Traktor und Anhänger fuhr man zu den benachbarten Kontrahenten. Bei zwölf PS starken Motoren bildete allerdings jeder steilere Anstieg ein kaum zu überwindendes Hindernis. Also hieß es dann: "Alle Mann von Bord und schieben". Dabei bildete diese Form des Transports die Luxusvariante. Meistens mussten die Fußballer mit dem Fahrrad in Richtung nächstem Einsatzort strampeln. Schwere Beine waren da bereits vor dem Anspiel garantiert. Man sieht, mit welchem Elan und mit welcher Begeisterung die jungen Männer ihrem Hobby nachgingen.


Das erste Spiel
Die erste Partie nach dem Zweiten Weltkrieg bestritt man im Sommer 1949 gegen den SV Reiselfingen. Die Ewattinger Akteure staunten nicht schlecht, als sie ihre Kontrahenten mit echten Kickschuhen und einem einheitlichen Trikot auflaufen sahen. Gegen ein derart professionell ausgestattetes Team hatten die Ewattinger natürlich einen schweren Stand. Mit 13:2 verloren sie das Spiel. Den allerersten Treffer für den SVE erzielte Oskar Rohr; der zweite Torschütze hieß Harry Weiß.
Allerdings stand diese Premiere unter keinem allzu guten Stern. Gerhard Schwandt brach sich ein Bein, was wiederum von etlichen kritischen Geistern als böses Omen gewertet wurde. Die Diskussionen um Sinn und Unsinn des Fußballsports entbrannten von Neuem. Wie schwer es damals gewesen sein musste, einen festen Platz im Vereinsgefüge eines Dorfes zu finden, beweist die Tatsache, dass das Rückspiel gegen die für damalige Verhältnisse hervorragend ausgerüsteten Reiselfinger ausfallen musste. Deren Mannschaft hatte sich bereits wieder aufgelöst.


Noch ein Aspekt darf hierbei nicht unerwähnt bleiben. In Ewattingen unterrichteten zu Beginn der 50er Jahre mit Otto Schuler (Er war von 1950 bis zu seinem Tod im Jahr 1997 Vereinsmitglied), Emil Messerschmidt und Eugen Gremmelspacher drei Lehrer an der Volksschule, die allesamt den neuen Club unterstützen. Sie hinderten ihre Schützlingen mit Verboten nicht daran, auf Straßen oder Wiesen dem Ball nachzujagen. Denn "dass die Schüler für die Fußballsache weit aufgeschlossener waren als für alles, was den Schulranzen füllte, ist nicht verwunderlich", beschreibt die Festschrift von 1960 jenen Anziehungskraft, die bis heute Fußball weltweit gesehen zur populärsten Sportart werden ließ.